Vom Mühlengewerbe zum Weinhandel
Stolz, vielleicht auch ein wenig wehmütig, betrachten Uta und Johann-Christian Meyer die große, schlicht gerahmte Urkunde. Ab heute wird sie nicht mehr das eigene Zuhause schmücken, sondern dem Museumsdorf Hösseringen für Forschungszwecke und Ausstellungen zur Verfügung stehen. „Wir sind in dritter Generation Weinhändler. Aber eigentlich war die Familie Meyer eine Müller-Familie“, erzählt Johann-Christian Meyer, der sich eingehend mit seiner Familiengeschichte beschäftigt hat. Einen besonderen Einblick gewährte ihm eine Urkunde aus dem Jahr 1790. Ausgestellt vom „Alt- und Laden-Meister des löblichen Mühlen-Handwerks im Herzogtum Braunschweig und Lüneburg…“ bescheinigt sie dem „Mühlen-Bursch namens Johann Friedrich Meyer, gebürtig aus Ebstorf, 24 Jahre alt“, dass dieser „fünf Jahre in Arbeit gestanden, und sich solche Zeit über, treu, fleißig, still, friedsam und ehrlich, wie einem rechtschaffenen Mühlen-Burschen gebühret, verhalten hat“. Deswegen solle er von „sämtlichen Mit-Meistern nach Handwerks-Gebrauch“ überall gefördert werden. Und die Urkunde verrät noch mehr: Großer Statur sei Johann Friedrich gewesen, die Haare blond. Gelernt hat er in Ebstorf, denn sein Meister Johann Moritz Meyer war nicht nur Inhaber der Fleckenmühle Ebstorf, sondern auch sein Vater.
So wie der Nachname Meyer ziehen sich auch familientypische Vornamen durch die Generationen. „Johann Moritz Meyer war mein Ur-Ur-Ur-Großvater“, erzählt Johann-Christian Meyer, der dankbar ist, dass seine Vorfahren das Arbeitszeugnis von Generation zu Generation in Ehren und im Familienbesitz gehalten haben. Bis zum Jahr 2025. „Mit der Spende an die Forschungseinrichtung Museumsdorf kann die Urkunde in den regionalen Kontext eingeordnet und so auf eine neue Art in Ehren gehalten werden. Zeugnisse aus einheimischen Familien machen die Geschichtsdarstellung im Museumsdorf besonders lebendig“, freut sich Museumsleiter Dr. Ulrich Brohm.
Die Fleckenmühle in Ebstorf ist im Jahr 1968 abgerissen worden, damals waren die Meyers bereits im Weinhandel tätig. Im Jahr 1884 hatte der Großvater von Johann-Christian Meyer die Ratsweinhandlung in Uelzen gekauft. Ob der familiäre Berufswechsel etwas mit der „Müllerkrankheit“, die alle in diesem Gewerbe Tätigen treffen konnte, zu tun hat, ist heute nicht mehr herauszufinden.
„Die Museumssammlung ist mit dieser Urkunde um ein wunderbares Zeugnis der ländlichen Kulturgeschichte reicher“, fasst Dr. Ulrich Brohm zusammen. „Mühlen waren ein wichtiges Gewerbe in unserer Region, sie sind in fast allen Dörfern zu finden.“
Christine Kohnke-Löbert