Amputation am Brümmerhof
„Gelebte Geschichte“ begeistert im Museumsdorf
Schreie ertönen, schrill und voller Angst und Schmerzen. Ins Zeltlazarett am Brümmerhof kommt Bewegung. „Mich dünkt, Ihr bekommt Arbeit“, ruft Soldatenfrau Ulrike Rautenberg dem Chirurgus Mathias Przybyl zu und schon nähert sich eine aufgeregte Schar Soldaten, die in ihrer Mitte einen Verletzten tragen. Die Wunde sieht übel aus, ein Knochenstück ragt aus dem Unterschenkel und nach kurzer Begutachtung kommt der Chirurgus zu dem Schluss, dass eine Amputation unumgänglich ist. Die Zuschauenden schaudern. Gut, dass der Chirurgus an dieser Stelle zur mündlichen Erläuterung seiner Behandlung übergeht. Er gehört zur Lazarettgruppe der Gesellschaft für hessische Militär- und Zivilgeschichte, die an diesem Wochenende zu Gast im Museumsdorf Hösseringen ist. Im Rahmen der Veranstaltung „Gelebte Geschichte“ präsentieren sie das Lazarettwesen um 1756. „In dem Jahr begann der Siebenjährige Krieg, aus dem Friedrich der Große als Sieger hervorgegangen ist“, weiß Mathias Przybyl. Daten und Siege sind heute oft geläufig, was sich am Rande des Schlachtgeschehens zugetragen hat, jedoch eher nicht. „Man darf die Vergangenheit nicht romantisieren, sie war auch Blut, Schweiß und Tränen“, so Przybyl. Soldatenfrau Rona Lengenfeld alias Ulrike Rautenberg moderiert die Vorstellung: „In einer Zeit ohne Blutkonserven und mit der Gefahr von Wundbrand war die Amputation meist das Mittel der Wahl, insbesondere im Schlachtgeschehen“, erläutert sie. Schnell musste es gehen, denn auf ein Regiment von 1200 Mann kam oft nur ein Arzt und vielleicht noch ein Barbier als Helfer, „Verlustraten“ um 70 Prozent waren die Regel.
Eine ganze Reihe von Vereinen aus ganz Deutschland sind an diesem Wochenende in Hösseringen zu Gast und präsentieren die verschiedensten Aspekte des Lebens und Alltags im 18. Jahrhundert. Der Brümmerhof wird kurzerhand zur Försterei umgewidmet und so stellen hier die „Jäger“ Eike Harstick, Marc Daum und Andreas Clemens das herrschaftliche Jagdwesen vor. Als Jäger und Forstbeamte in Personalunion kümmern sie sich um das Holzwesen ebenso wie um die Vorbereitung herzoglicher Jagden. Als einzige Polizeigewalt auf dem Lande waren sie allerdings nicht gerade die Beliebtesten, besonders wenn es um Bau- oder Feuerholz ging.
Wer sich mehr fürs Textile interessierte, war zur Modenschau auf der Apfelwiese richtig. Organisatorin Viktoria Balensiefen erläutert Kleiderordnungen, Machart und Material: „Die Schnitte waren sehr ökonomisch und durchdacht und der Umgang mit Textilien grundlegend anders als heute. Teuer war der Stoff, nicht die Arbeit, die auf den Höfen oft selbst erledigt wurde.“ Und weil die Gäste gerade so schön von der Modenschau abgelenkt sind, nutzt ein dreister Dieb die Gelegenheit, um am Stand des Schmiedes einen Hammer zu stehlen. Doch der Unhold wird erwischt und zum Gaudi der Zuschauenden in Handschellen abgeführt.
Zum Abschluss des Tages wird es noch einmal richtig laut: Büchsen knallen und weißer Rauch zieht über die Baumwipfel von dannen.
Christine Kohnke-Löbert
Impressionen vom Gelebte Geschichte Wochenende







